Blaschek Emil

  • Opferausweis, ausgestellt am 6.5.1950

Geboren am: 14. Februar 1927 in Wien, Österreich
Gestorben: 2016
Wohnhaft in: Bernoullistraße 4/8/27, 1220 Wien
Vater: Wilhelm Blaschek, Zeuge Jehovas, geb. 22.11.1896
Mutter: Aloisia, geb. Henzelmann, geb. 18.12.1896, katholisch, ab 1932 geschieden
Bruder: Willhelm, geb. 1929
Verheiratet ab 1927 mit
Wurde im April 1927 Bibelforscher

Vater Wilhelm Blaschek bekennt sich ab 1933 als Zeuge Jehovas. Die Mutter bleibt Katholikin, doch gegenüber dem Glauben ihres Mannes sehr tolerant. Die Ehe wird 1932 geschieden. Emil wird von seinem Vater erzogen. Er besucht die Hauptschule und dann macht er eine Lehre als Installateur.

Emil besucht im Schuljahr 1939/40 die vierte Klasse Hauptschule für Knaben in der Feuerbachstraße 3 in Wien 2, als er im Dezember 1940 von der Schule entlassen wird. Er ist ein sehr guter Schüler, aber er verweigert den Hitlergruß. (Siehe Urteil gegen Wilhelm Blaschek vom 11. 6. 1941, DÖW 13699).

Einlieferung in die Erziehungsanstalt SPIEGELGRUND in Wien

Emil gibt sich als 14-Jähriger bereits als Zeuge Jehovas zu erkennen. Er begleitet seinen Vater in seiner missionarischen Tätigkeit. Am 10. April 1941 wird er wegen „staatsfeindlicher Umtriebe des Kindervaters und wegen Beeinflussung des Minderjährigen“ in die Erziehungsanstalt am sogenannten „Spiegelgrund“ gebracht. Dort muss er die zweiklassige Sonderschule auf der Baumgartnerhöhe besuchen. Er erhält im Juli 1941 ein sehr gutes Zeugnis und die Betragensnote ist „sehr gut“.
Folgender Aufsatz wird von Emil verfasst und seiner Tante Franziska Blaschek, die ihn einmal besuchen konnte mitgegeben, hierauf vielfach abgeschrieben und verbreitet. (Siehe auch Urteil gegen Anton Blaschek vom 3. 3. 1942, Seite 3, DÖW 20000/B401)

Meine Gründe, warum ich mich weigere, den HJ Dienst mitzumachen
Die HJ (Hitlerjugend) ist ein Verein, in welchem politische Sachen besprochen und ausgeführt werden. Ich aber will mich mit Politik nicht befassen. Ich habe früher nicht mitgemacht und werde jetzt auch nicht mitmachen. Warum? Bei der HJ grüßt man mit „Heil Hitler“. Dies kann ich nicht sagen, weil dies im Widerspruch mit der Bibel ist. In der Bibel steht geschrieben: (Apostelgeschichte Kap.3, Vers 17): „das Heil ist in keinem anderen, als nur in Jesus Christus.“ Dann die vormilitärischen Übungen. Eines von den Zehn Geboten heißt: „Du sollst nicht töten.“ Eine andere Schriftstelle: „Wer das Schwert hebt, wird durch das Schwert umkommen.“ Die Uniform ist auch politisch. Bei der HJ ist der oberste Führer Adolf Hitler; mein Führer aber ist Jesus Christus und Jehova. Jehova ist der Name des allmächtigen Gottes. Nur wer an diesen Gott glaubt, wird errettet werden, denn in kurzer Zeit wird die Schlacht Gottes (Harmagedon genannt) ausbrechen, in der alle Bösen und Gesetzlosen vernichtet werden. Dann wird eine neue Welt entstehen, in welcher nur die guten Menschen leben werden. Dann wird eine neue Welt entstehen, in welcher nur die guten Menschen leben werden, und nur Jesus Christus wir König seien. Darum halte ich mich nur nach den Gesetzten der Bibel und verhalte mich gegen alles andere neutral. Sie werden nun gerne wissen mögen, von wo ich diese Kenntnis besitze. Nur aus der Bibel. Schon als ich noch ein kleiner Junge war, studierten mein Vater, meine Mutter und ich die Bibel, denn wir waren evangelisch, dann traten wir aus der Kirche aus, denn in der Bibel steht, „du sollst dir keine Ebenbilder machen, sondern nur Gott allein ehren und lobpreisen“, was aber in der Kirche nicht der Fall ist, denn hier werden Götzen angebetet. Als ich größer wurde, las ich allein in der Bibel, und wenn ich etwas nicht wußte, fragte ich meinen Vater. Dies sind meine Gründe, weshalb ich mich nicht mit der Politik befasse. (Widerstand und Verfolgung in Wien, Hrsg. DÖW, Seite 176, 177)

Emil ist der einzige aus seiner Schulklasse, der keine Lehre beginnen durfte. Er wird in den Pavillon 3/2 gebracht und muss in einem Einzelzimmer mit vergitterten Fenstern schlafen. (Siehe Absender auf Brief an den Vater vom 18. Juni 1941)
Es werden an ihm medizinische Experimente durchgeführt. Er erhält laut eigener Aussage zwei Mal Injektionen von einem jungen Arzt , der zu ihm sagt: „Wenn du das überlebst, kommst du in ein KZ. Aber du wirst es nicht überleben.“ Zweimal bekommt er so schwere Anfälle, dass er in ein geschlossenes Gitterbett gelegt werden muss.
Dr. Hans Krenek, der pädagogische Leiter, und die betreuende Krankenschwester Martha setzen sich für Emil ein. Er veranlasst zusammen mit Schwester Martha, dass die Fenster in seinem Zimmer geputzt und danach unversperrt bleiben.
Emil flüchtet am 10. Oktober 1941. Er seilt sich mit Bettlaken ab und entkommt. Er versteckt sich daraufhin einige Wochen bei verschiedenen Glaubensbrüdern, u.a. bei Emilie Korb (siehe Lichtenegger, Wiens Bibelforscherinnen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Seite 326) Darauf erfährt er von einer Großfahndung nach ihm, und er stellt sich Anfang November 1941 freiwillig Dr. Krenek. Dr. Krenek veranlasst, dass Emil bei seiner Mutter bleiben kann, die versprechen muss, dass er keinen Kontakt mehr zu Zeugen Jehovas haben wird.
Emil erhält die Möglichkeit in seiner ehemaligen Schule eine Hauptschulabschlussprüfung zu machen und beginnt eine Lehre als Installateur.

Einberufung zum Arbeitsdienst

Emil bekommt die Einberufung zum Arbeitsdienst, der eine Art vormilitärische Erziehung ist, und plant deshalb in die Schweiz zu flüchten.  Sein Vater befindet sich seit 25. April 1942 im Landesgerichtlichen Strafgefängnis Salzburg und Emil gelingt es, ihn heimlich zu besuchen.  Er versucht dann mit seinem Rad über das Dreiländereck in die Schweiz zu flüchten.  Er wird aber 300 Meter vor der Grenze von den Hunden der österreichischen Grenzsoldaten aufgespürt.  In seinem Rucksack findet man nur eine Lutherbibel.  Er verbringt ca. 1 Monat im Innsbrucker Gemeindegefängnis.  Dann wird er gefesselt nach Wien überstellt.

Sein Lehrherr, der bekennender Nationalsozialist ist, holt ihn aus dem Gefängnis heraus, da er Emil als zuverlässigen Arbeiter sehr schätzt.

Emil leistet von September 1944 bis Jänner 1945 den Reichsarbeitsdienst ab und legt nebenbei die Gesellenprüfung ab.

Einberufungsbefehl

Anfang 1945 erhält er die Einberufung zum Militärdienst.  Emil wird zu der Kaserne in Deutsch-Brod gebracht.  Bei der medizinischen Untersuchung sagt Emil: „Sie brauchen mich nicht untersuchen, denn ich bin ein Bibelforscher aus Wien.“  Emil wird vor Offiziere geführt und muss ein Schriftstück unterzeichnen.  Daraufhin wird er als Wehrdienstverweigerer ins Polizeigefängnis Iglau gebracht.  Dort verbringt er einen Monat in einer Einzelzelle und dann in einer Gemeinschaftszelle.  Nach der Eroberung Wiens und nachdem sich das Kriegsende bereits abzeichnet, flüchtet er mit anderen Häftlingen nach Prag.  Dort lebt seine Halbschwester auf einem Bauernhof, wo er eine Zeitlang bleibt.  Schließlich kehrt er allein nach Wien zu seiner Mutter zurück.

Quellen:

 

Persönlicher Bericht von Emil Blaschek aus dem Jahr 1998

Berichte der Zeitzeugen Anna Maierhofer, Emilie Benda, geb. Blaschek (Kusine des Emil Blaschek)

Zwischen Widerstand und Verfolgung in Wien, Hrsg. DÖW, Seite 176

 

Dokumente:

Urteil gegen Wilhelm Blaschek vom 11. 6. 1941, DÖW 13699

Urteil gegen Anton Blaschek vom 3. 3. 1942, Seite 3, DÖW 20000/B401

Schulzeugnis aus der Hauptschule Wien 2, 6.7.1940

Schulzeugnis der Sonderschule Baumgartnerhöhe, 5.7.1941

Abschlusszeugnis für die Hauptschule (Feststellung der Kenntnisse übe den Stoff der 4. Hauptschulklasse), 12.2.1942

 

Bildmaterial:

Emil Blaschek mit seiner Schulklasse „Am Spiegelgrund“, Juli 1941

 

Von |12. März 2016|Opferberichte|0 Kommentare

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