Blaschek Emilie

Geboren am: 20. Dezember 1926
Gestorben: ca. 2002
Geschwister: Ottilie, geb. Februar 1928, Hannes, geb. August 1924
Foto: von links Emilie, Ottilie, Hannes

 

Erfahrungsbericht von Emilie

MEINE JUGEND WÄHREND DER HITLERZEIT
Schon 1938 wurde ich in der Schule verwarnt, weil ich bei den nationalsozialistischen Liedern nicht mit sang und den Hitlergruß nicht leistete. 1939 wurden meine Schwester Ottilie (geb. 1928) und ich von der Schule verwiesen.

Am 2. Nov.1939 wurden wir Mädchen von 6 Männern (Gestapo, Jugendgericht und Polizei) abgeholt und in die Kinderübernahmestelle Wien 9 Lustkandlgasse gebracht. Die Wände dort waren ab Brusthöhe aus Glas, um die Kinder besser beobachten zu können. 6 Wochen verblieben wir dort.

Dann ging es weiter ins Zentralkinderheim Wien 18. Bastiengasse. Es war ein sehr strenges Heim. Es gab keine Türschnallen. Stundenweise war Redeverbot. Zum Waschen und aufs WC mußten wir uns in Reih und Glied anstellen und warten, bis wir an die Reihe kamen. In 3er-Reihen gingen wir jeden Tag eine Stunde spazieren.

Im Mai 1940 kamen wir nach Maierhofen in Niederösterreich in ein Kinderheim, wo wir endlich wieder eine öffentliche Schule besuchen durften.
Im Sommer hieß es wieder Abschied nehmen – wir kamen zurück nach Wien 19, Hohe Warte in ein Waisenheim. Dieses Heim wurde sehr militärisch geführt.
5.30 Uhr: Aufstehen zum Turnen und Laufen, nur mit Turnhose und Turnleibchen angezogen (ob Sommer oder Winter).
6 Uhr: Waschen, anziehen, Betten machen.
7:30 Uhr: Frühstück
7:15 Uhr zur öffentlichen Schule,
13 Uhr Mittagessen
bis 15 Uhr Hausaufgaben
anschließend Freizeit bis 18 Uhr
dann Abendessen
um 20 Uhr schließlich mußten alle Kinder im Bett sein.

Jeden Sonntag Morgen war Fahnenweihe. Das erste Mal, als es hieß „Antreten und zum Haupthaus marschieren!“, hatten wir keine Ahnung, was das bedeuten sollte. Im Haupthaus wohnten 400 Buben mit ihren Erziehern. Wir waren 60 Mädchen. Auf einem riesigen Platz mußten wir uns in U-Form aufstellen. Die Mädchen in der Mitte, links und rechts die Buben. Ich stand in der 1. Reihe. Ein Fahnenmast stand nicht weit von mir entfernt in der Mitte. Links und rechts der Fahne jeweils ein junger Mann.

Jetzt begriff ich, was kommen würde. Der Direktor des Heims hielt eine kurze Ansprache. Anschließend wurden das Horst-Wessel-Lied und das Deutschland-Lied mit erhobener Hand gesungen. Meine Schwester und ich standen ruhig ohne zu singen und ohne eine Hand zu heben. Der Direktor rief: „Alle singen“. Wir sangen nicht. Das ging 3-mal so, wir blieben weiter ohne Widerrede ruhig und still stehen, von allen Seiten angestoßen, es gab viel Unruhe.

Nach der Fahnenweihe mußten wir zum Direktor ins Büro. Er hielt uns eine strenge Rede: Wir müßten uns der Heimordnung unterordnen, nur Staatsfeinde tun das nicht und die werden ausgerottet.
Nach einer Weile versuchte es der Direktor mit Milde und sagte: „Ihr seid fleißige Schüler, gute Sportler – solche Kinder würden wir gebrauchen, ihr könnt die Handelsschule besuchen, auch werdet ihr Klavierunterricht bekommen, das wäre für eure Weiterbildung sehr von Vorteil. lch werde nach einiger Zeit wieder fragen.“

Es dauerte nicht lange und der Direktor erkundigte sich, was wir tun werden. Die Antwort war: „Wir hatten von Kindheit an Bibelstunden im Hause meiner Eltern. Wir lernten, dass Gott einen Namen hat: Jehova. Dass Jehova der höchste Gott im Himmel und auf der Erde sei, dass es nur einen Mittler zwischen Gott und den Menschen gibt – Jesus Christus. Und daher können das Heil und die Rettung nur durch Jehova kommen. Das ist meine feste Überzeugung. Jehova will ausschließliche Anbetung, daher kann ich nicht anders und will es nicht anders, denn ich liebe Jehova Gott und warte auf sein Königreich, das er hier auf der Erde aufrichten wird, um das wir ja auch im Vaterunser beten. Und ich bete auch jeden Tag, dass auch ich mit meinen Eltern und Geschwistern darin leben darf.“

Der Direktor spottete und verhöhnte uns und stellte uns als Verrückte dar. Ich schwieg. Schließlich verhängte er eine Strafe über uns: Sämtliches Geschirr von 60 Mädchen, Frühstück, Mittag und Abend mussten wir waschen und die Küche sauber halten bis wir anderer Meinung sind. Nun unsere Meinung änderte sich nicht.

Da meine Pflichtschulzeit endete, wurde ich wieder in ein anderes Heim abgeschoben. Fasangasse in Wien 3.
Es war ein Kloster, die Zöglinge waren kriminelle Jugendliche bis 18 Jahre. Dort blieb ich allerdings nicht lange.
Es kam das „Pflichtjahr“. Jedes schulentlassene Mädchen musste ein Jahr in einem Haushalt arbeiten. Das war schon eine Verbesserung, denn dort hatte ich wenigstens 1 x in der Woche Ausgang. So konnte ich zu Hause nach dem Rechten sehen.

Inzwischen war auch meine Mutter von der Gestapo geholt worden. Als ich ihr einmal frische Wäsche in das Gefangenenhaus Morzinplatz brachte, fragte mich einer der beiden Gestapomänner: „Sind Sie auch Bibelforscherin?“ Ich sagte: „Ja“. „Nun, dann können Sie gleich da bleiben“. Ich setzte die Tasche ab und setzte mich. Beide Männer gingen ins andere Zimmer, lachten und redeten und kamen dann wieder zu mir, um mir zu sagen, ich könne wieder gehen.

Nach dem Pflichtjahr begann ich eine Lehre als Buchbinderin. Um meinen Lebensunterhalt und die Miete für die Wohnung zu bezahlen, putzte ich in der Firma 2 Stunden vor und 1 Stunde nach meiner Arbeitszeit die Arbeitsräume.
Inzwischen wurde auch meine Mutter entlassen. Mit Hilfe des Richters Dr. Wotowa bekam sie Ihren kleinen Sohn und nach und nach ihre Töchter wieder in ihre Obhut. Im Oktober 1945 war unsere Familie wieder vollständig.

Wieso konnten 2 Mädchen von 11 und 12 Jahren diese Zeit während des Hitlerregimes durchstehen?
Wir hatten zu Hause ein regelmäßiges Familienstudium, gingen regelmäßig zu allen Zusammenkünften der Zeugen Jehovas, kannten die meisten sogenannten Königreichslieder der Zeugen Jehovas auswendig, da wir diese immer bei der Küchenarbeit sangen. Und das wichtigste war unser Gebet, das wir mit viel Liebe und Vertrauen an Jehova richteten. Und am Abend, wenn das Licht im Schlafsaal ausgelöscht wurde, kam für uns die Stunde, unseren Kameradinnen Geschichten aus der Bibel zu erzählen. Die Lieblingsgeschichten waren: „Daniel in der Löwengrube“ und „Das goldene Standbild“.
Das war auch der Grund, warum wir immer wieder in ein anderes Heim abgeschoben wurden mit der Begründung „ .. wir bringen zuviel Unruhe unter die Kinder“

Lebensbericht von Emilie aus dem Jahr 1998

Ich wurde am 20. Dezember 1926 in Wien geboren. Mein Bruder im August 1924 und meine Schwester im Februar 1928. In unserem Elternhaus herrschte viel Liebe und Harmonie. Eine beliebte Freizeitbeschäftigung war z.B. gemeinsames Singen. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, meine Schwester saß auf Mutters ich auf Vaters Schoß und mein Bruder war der Dirigent. Vater hatte auch viel Humor. Als wir eines Tages am Morgen aufwachten, hatten wir Kinder einen Schnurrbart im Gesicht aufgemalt. Vater und Mutter ließen sich nichts anmerken, warteten aber schon gespannt auf unsere Reaktion. So wurde bei uns viel gelacht und gesungen.
Unsere Eltern waren evangelisch. So um das Jahr 1930 kam Vater mit der biblischen Wahrheit in Berührung. Zwei Bibelforscherinnen, wie Zeugen Jehovas damals noch genannt wurden, brachten die Zeitschriften Der Wachtturm und Erwachet. Vater las sie sehr sorgfältig, verglich alles mit seiner Bibel und war begeistert. Nach und nach wurde sein Verständnis für die biblische Wahrheit immer tiefer. Auch erkannte Vater sehr bald wie wichtig es ist, sogleich seine Familie mitteilhaben zu lassen. Und so lernten wir die biblische Wahrheit lieben und schätzen. Und vor allem wie wichtig das Gebet ist. Der Tag wurde mit Gebet begonnen und am Abend wieder mit Gebet abgeschlossen. Die Zusammenkünfte besuchten wir immer gemeinsam. Am Sonntag hatten wir noch zusätzlich Kinderunterricht um 16 Uhr und so wurde die biblische Wahrheit aus Gottes Wort der Mittelpunkt unseres Lebens. 1932 lies sich Vater taufen, im Jahr 1935 auch Mutter.
Als das Werk der Zeugen Jehovas in Österreich (1935) verboten wurde, besuchte Vater die Kongresse in Luzern (Schweiz), Prag und Pressburg. Die Gesellschaft setzte Busse ein mit je einem Reiseleiter – wovon mein Vater einer war. Sie brachten meist die neueste Literatur mit. 1937 bekamen wir noch ein Brüderchen. In der Zeit zwischen 1936 – 1937 hatten wir aus Deutschland, wo die Verfolgung der Bibelforscher bereits in vollem Gange war, immer 1 – 2 Brüder bei uns wohnen, die aus Deutschland flüchten mussten und hier Zwischenstation machten, bis sie weiter fahren konnten.
1938 fingen die Schwierigkeiten auch bei uns in Österreich an. Bereits in der letzten Oktoberwoche 1939 wurde Vater von der Gestapo abgeholt. Vom Morzingplatz (das Quartier der Gestapo) wurde er nach einiger Zeit nach Steinhof in eine Nervenheilanstalt überstellt, weil sie der Meinung waren, nur Verrückte würden so eine Behandlung auf sich nehmen. Das war die übliche Vorgehensweise mit Andersdenkenden, um sie schließlich im Zuge der Euthanasie zu beseitigen.
Die Gestapo übte großen Druck auf Mutter aus, sich von Vater scheiden zu lassen. Da man Vater als Urheber der Überzeugung der Familie ansah, erhoffte man sich, diesen Einfluss durch eine Scheidung der Eltern auszuschalten. Mutter lehnte natürlich immer ab. Schließlich wurde ihr in Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte jede soziale Unterstützung verwehrt mit der Begründung wir wären Staatsfeinde ersten Ranges und verdienten diese nicht. Am 2. November 1939 schließlich wurden meine Schwester und ich von der Gestapo und Jugendfürsorge geholt. Wir kamen in die Übernahmestelle Lustkandlgasse im 9. Bezirk. Das Jugendgericht schickte uns eine Vorladung. 2 Erzieher brachten uns dorthin. Wir wurden befragt, warum wir die nationalen Lieder nicht singen und den Gruß “Heil Hitler” nicht sagen. Als gute Staatsbürger wäre es unsere Pflicht das zu tun. Unsere Begründung war: “In der Bibel – und das ist das Wort Gottes- steht in Apg. 5:29: ‘wir müssen Gott dem Herrscher mehr gehorchen als den Menschen’. Das Heil und die Rettung kann nicht durch einen Menschen kommen nur durch Jehova Gott.” Das war alles, was wir Ihnen sagten. Wir wurden als sehr stur und als verrückt bezeichnet. Dann mussten wir wieder in die Anstalt zurück. Eine öffentliche Schule durften wir nicht besuchen. Da wir angeblich zuviel Unruhe unter die Kinder brachten, blieben immer nur einige Monate in einem Heim. Am Abend, wenn die Lichter im Schlafsaal abgedreht wurden, wurden wir von den Mitzöglingen ausgefragt warum und weshalb wir hier wären. Das war dann unsere Stunde. So konnten wir den Kindern viel aus der Bibel erzählen: Dass man Gott mehr gehorchen muss als Menschen, wie es auch schon viele Jugendliche in alter Zeit getan hatten, was wir in der Bibel nachlesen können. Die Geschichte Daniels, wie er vor dem Standbild stand und sich nicht niederbeugte und seinem Gott mehr gehorchte als einem Menschen, weil er seinen Gott liebte und ihm völlig ergeben war, das war unsere Lieblingsgeschichte. Das stärkte uns sehr in unserer eigenen Überzeugung.
Auf der Hohen Warte in Wien, wo wir am längsten waren, kam es auch zu einer Neutralitätsfrage. Es war ein sehr strenges Erziehungsheim. Im Haupthaus waren 400 Buben mit ihren Erziehern untergebracht, wir Mädchen, 60 an der Zahl, in einem kleinen, alten Schloss. Jeden Sonntagmorgen wurde eine Fahnenweihe abgehalten. Mit erhobener Hand wurde das Horst-Wessel-Lied gesungen und danach eine Ansprache vom Direktor gehalten. Das erste Mal waren meine Schwester und ich völlig ahnungslos, was da auf uns zukommt. Wir standen in der ersten Reihe. Zuerst wurde mit Heil Hitler gegrüßt – wir standen still mit herunterhängenden Armen, 3-mal wurden wir aufgefordert zu grüßen. Wir blieben wortlos und gerade stehen. Nach der Fahnenweihe mussten wir zum Direktor ins Büro. Er hielt uns eine strenge Rede – wir müssten uns der Heimordnung unterordnen. Wieder gaben wir zur Antwort, dass wir Gott mehr gehorchen müssten als Menschen und das Heil komme nicht von Menschen sondern von Jehova Gott, denn er ist der Schöpfer von Himmel und Erde und auch der Schöpfer der Menschen. Daraufhin meinte der Direktor wir könnten ja im Herzen denken was wir wollten, wir hätten allerdings mehr Vorteile, wenn wir wenigstens mit Heil Hitler grüßen würden. Wir könnten eine bessere Schule besuchen und auch Klavier lernen. “Ihr wäret die idealen deutschen Mädchen, gute Schüler und ihr liebt auch Sport und Musik. Überlegt es euch – ich werde euch später wieder fragen.” Das wiederholte er mehrmals. Nun, später konnten wir wieder nur dieselbe Antwort geben, worauf er sehr ärgerlich wurde. Es gab keine Freizeit mehr, wir mussten für alle 60 Mädchen Tisch decken, später wieder abräumen, das Geschirr waschen, die Küche sauberhalten und das morgens, mittags und abends. Wir waren also sehr eingespannt. Die Küche war im Keller und während der Arbeit sangen meine Schwester und ich 2-stimmig viele Königreichslieder und fühlten uns sehr wohl dabei.
Und wieder wurden wir abgeschoben in ein anderes Heim. Allerdings wurden meine Schwester und ich nun getrennt. Ich kam in ein Kloster mit Klosterschwestern in der Fasangasse, 3. Bezirk, die Zöglinge waren kriminelle Jugendliche bis 18 Jahre. Meine Schwester kam auf den Spiegelgrund Baumgartenhöhe. 1942 musste ich 1 Jahr lang in einem Haushalt arbeiten, das war das sogenannte Pflichtjahr.
Inzwischen war auch meine Mutter von der Gestapo geholt worden, zusammen mit meinem älteren Bruder. Mein jüngerer Bruder kam auf einen Pflegeplatz in der Steiermark. Während meines Pflichtjahres durfte ich hin und wieder nach Hause, um meiner Mutter auf dem Morzingplatz frische Wäsche zu bringen. Ohne Ausweis kam man in diese Gebäude gar nicht hinein. Ich wurde durchsucht, ob ich vielleicht irgendetwas Unerlaubtes bei mir habe, sogar das Wäschepaket und meine Handtasche wurden untersucht. Dann wurde ich erst zu den Männern vorgelassen, die meine Mutter verhaftet hatten. Das erste, was sie mich fragten war: “Sind Sie auch Bibelforscherin?” Ich sagte: “Ja”. “Nun, dann können Sie gleich dableiben”. Ich setzte die Tasche ab und setzte mich. Beide Männer gingen ins andere Zimmer, lachten und redeten. Nach einer Weile kamen sie wieder und sagten zu mir: “Lassen Sie die Wäsche hier und gehen Sie nach Hause”. Das brauchten sie mir nicht 2 x zu sagen. Im Nu war ich draußen und wieder auf der Straße.

Mein Vater wurde 1940 von einem Pfleger, der ihm sehr wohlgesonnen war, darauf aufmerksam gemacht, dass wieder eine Gruppe Pfleglinge zusammengestellt würde und ins Altreich (= Deutschland) auf “Erholung” geschickt würde und das schon in einigen Tagen. Als mein Bruder Toni davon erfuhr, kam er mit einer kurzen Hose und Turnhemd, darüber jedoch einen Anzug meines Vaters zur Besuchszeit nach Steinhof. In einem kleinen Wäldchen zog mein Vater seinen Anzug an. Und am Ende der Besuchszeit, als sich die meisten Besucher zum Ausgang drängten, spazierten auch Vater und Sohn unerkannt aus der Anstalt hinaus.

1942 allerdings wurde Vater wieder von der Gestapo gefasst. Und nun kam es auch zu einer Gerichtsverhandlung. Er wurde wegen Wehrkraftzersetzung und Verbreiten von verbotenen Schriften angeklagt. Die Kopfstelle der Gestapo in Berlin beantragte die Todesstrafe. Doch der Richter, Dr. Wotowa, setzte sich sehr für die Umwandlung in eine Haftstrafe ein. Er konnte sich schließlich durchsetzen und so wurde mein Vater “nur” zu 8 Jahren Zuchthaus verurteilt, abzusitzen in der Haftanstalt Straubing, Bayern.

Gemeinsam mit meiner Mutter wurden noch einige andere unserer Glaubensschwestern verhaftet. Bei der Verhandlung machte der Richter allen ein Angebot: Wenn sie eine Erklärung unterschreiben würden, dass sie keine Bibelforscher mehr seien und sich nicht mehr als solche betätigen würden, könnten sie nach Hause gehen. Meiner Mutter, die sehr krank war, sagte der Richter, sie solle erst einmal gesund werden und dann würde er beantragen, dass sie in seinem Haushalt als Köchin angestellt würde. Und so wurde Mutter Köchin im Privathaushalt von Dr. Wotowa. Er schrieb auch für Mutter die Anträge ans Jugendgericht bzw. die Sozialfürsorge, damit sie ihre Töchter wieder nach Hause bekam und auch ihren jüngsten Sohn, der noch keine 4 Jahre alt war. Im Alter von 2 Jahren war er meiner Mutter weggenommen worden. Das Wiedersehen war herzzerreißend. Er erkannte seine Mutter nicht mehr, war sehr scheu und redete kein Wort.

Nach dem Pflichtjahr erlernte ich das Buchbinderhandwerk. Meine Mutter war sehr krank. Um Überleben zu können reinigte ich die Arbeits- und Büroräume vor und nach der Arbeitszeit, so dass ich gerade soviel verdiente, dass wir allen Zahlungsverpflichtungen nachkommen konnten. In Wien gab es gegen Ende des Krieges viele Bombenangriffe. Zu dieser Zeit lebten wir nur mehr im Keller. Die Hausparteien baten meine Mutter: “Frau Blaschek, dürfen wir uns zu Ihnen setzen? Wir fühlen uns sicher bei Ihnen.”

1945 endlich war der Krieg zu Ende. Mein Vater kam im Oktober 1945 nach Hause. Nach genau 6 Jahren sah ich meinen Vater wieder. Zur selben Zeit kamen auch 6 deutsche Brüder, aus dem KZ, die nicht weiter fahren konnten, da es keine Verkehrsmittel gab und in Wien Zwischenstation machen mussten. Sie organisierten wieder kleine Buchstudiengruppen. Die Gebiete mussten neu aufgenommen werden. Vater wurde Gebietsdiener und ich war viel mit ihm unterwegs, um Häuser aufzunehmen, wo noch Menschen wohnten, damit später dort gezielt wieder gepredigt werden konnte.

1954 heiratete ich einen Bruder, der von Berlin nach Wien zog. Im Laufe der Zeit bekamen wir 5 Töchter, die uns viel Freude bereiteten. 4 davon nahmen den Pionierdienst auf. Dazu kamen nach und nach 4 Schwiegersöhne, die gemeinsam mit ihnen im Vollzeitdienst standen bis sich Nachwuchs ansagte. Heute stehen 2 unserer Töchter immer noch im Pionierdienst. Ich möchte es keinesfalls versäumen zu erwähnen, dass ich dies alles Jehova verdanke. Ihm allein gebührt die Ehre, dass ich stehen und durchhalten konnte und auch der Dank für all das Gute an Erlebnissen. Durch das völlige Vertrauen und die Liebe zu Jehova, durch das Gebet, dass ich ständig an Jehova sandte und später mit meinem Mann gemeinsam schöpfte ich die Kraft, um auszuharren. Dies alles war und ist immer noch Mittelpunkt unseres Lebens. Wie es in Psalm 37:3 heißt: Vertraue auf Jehova, auch habe Wonne an Jehova und er wird dir die Bitte deines Herzens gewähren.

Von |09. Oktober 2017|Opferberichte|0 Kommentare

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