Mößlacher Wilhelm

andere Schreibweisen auch Möhslacher, Mösslacher
geboren am: 28. Mai 1915 in Edling/Gemeinde St. Stefan im Gailtal, Kärnten, Österreich

gestorben am: 19. Mai 1944, hingerichtet (enthauptet) in Halle an der Saale
Vater: Josef Mösslacher, Eisenbahner, geb. 1898
Mutter: Anna Mösslacher, geb. 1896, katholisch
Geschwister: Johanna (mit 2 Jahren verstorben), Eleonore, Pauline, Josef

Wilhelm wurde am 28. 05. 1925 in Edling/Gemeinde St. Stefan im Gailtal (Kärnten) geboren. Sein Vater war Eisenbahnbeamter. Die Familie wohnte im Bahnhofsgebäude von St. Stefan, wo Wilhelm mit seinen Geschwistern aufwuchs. Eine besondere Freundschaft verband ihn mit seiner Schwester Pauline, da der Altersunterschied sehr gering war, und wie Pauline erzählte, haben die beiden auch sehr viel Zeit miteinander verbracht.

Die Familie Mösslacher war katholisch. Der Landwirt Johann Wemitznig aus Dragantschach (Nachbarortschaft) hatte in der Nähe des Bahnhofs eine Wiese und Kühe. Wilhelm ging oft zu ihm und half ihm, beim hüten der Kühe. Johann war ein Zeuge Jehovas und erzählte Wilhelm viel von der Bibel. Als seine Mutter davon erfuhr, war sie sehr dagegen und verbot dem Landwirt, mit Wilhelm weiter darüber zu sprechen, was jedoch nichts nützte.

Mit 15 Jahren ging Wilhelm nach Lienz und besuchte dort 2 Jahre lang die Handelsschule. Dort hatte er auch Verbindung mit Zeugen Jehovas, obwohl seine Mutter gar nicht damit einverstanden war. Später ging er dann noch ein Jahr in Villach zur Schule. “Er besuchte 11 Jahre lang die Volksschule, Haupt- und Handelsschule. Dann war er als Junghelfer bei der Reichsbahn beschäftigt.” (Feldurteil, vom 12. 4. 1944)

Mit 18 Jahren trat Wilhelm aus der römisch-katholischen Kirche aus. Wahrscheinlich hatte er keine Möglichkeit mehr, sich als Zeuge Jehovas taufen zu lassen. “Nachdem er im katholischen Glauben aufgewachsen war, begann er im Jahre 1938 sich mit dem Studium der Bibel zu befassen, und bezeichnete sich als Zeuge Jehovas” (Feldurteil vom 12. 4. 1944)

Einberung

Was seine Einberufung und damit in Verbindung stehende Verhaftung betrifft gibt es unterschiedliche Versionen:
Wilhelm rechnete offensichtlich schon längere Zeit damit, dass er zum Kriegsdienst eingezogen werden würde. Seine Schwester, Pauline Wilhelmer, erinnert sich, dass Wilhelm schon zu Hause oft probierte, auf einem Brett zu schlafen und mehrere Tage nichts zu essen, da er sagte, er wolle sich auf das Kommende vorbereiten. 1943 besuchte Wilhelm seine Großmutter in Villach und fuhr danach mit dem Fahrrad Richtung ungarische Grenze. Vielleicht hatte er im Sinn über die Grenze zu kommen, was jedoch ohne Reisepaß gar nicht möglich war. So kehrte er nach Hause zurück.

Am 27. Jänner 1944 bekam Wilhelm die Einberufung und fuhr an diesem Tag mit dem Zug um 6 Uhr früh nach Graz.
Kurz vorher, am 16. 01. 1944 kam seine Tante bei einem Bombenangriff in Klagenfurt ums Leben und war 12 Tage verschüttet, bis man sie ebenfalls am 27. 01. fand. Wilhelms Mutter reiste am 31. 01. nach Klagenfurt zum Begräbnis der Tante und kam dabei bei einem Bombenangriff in Annabichl ebenfalls ums Leben.

Verweigerung des Eides und des Militärdienstes

Inzwischen hatte Wilhelm in Graz vereidigt werden sollen, verweigerte aber diesen Eid. und kam in Graz ins Gefängnis, wo er 3 Wochen blieb. Er durfte auch nicht zum Begräbnis seiner Mutter am 07 02.1944 fahren.
Laut Herrn Josef Mösslacher, dem jüngeren Bruder, flüchtete er nach Erhalt der Einberufung mit dem Fahrrad in Richtung Schweiz. Doch ohne Geld kam er nicht weit und kehrte nach Hause zurück, wo er dann verhaftet wurde.

Ein Bauernknecht schilderte einem Zeugen Jehovas nach dem Krieg, dass er persönlich sah, wie zwei Gendarmen ihn mit Handschellen gefesselt, am Bahnhof St. Stefan/Vorderberg zum Zug brachten. Er wurde nach Graz/Paulustor ins Polizeigefängnis gebracht. Dort habe er militärische Dienstleistungen verweigert und sei als Folge in ein Gefängnis nach Deutschland gebracht worden und zwar nach Halle an der Saale.
Herr Andritsch, aus der unmittelbaren Nachbarschaft, kannte den jungen Mann ebenfalls sehr gut. Er erfuhr während der letzten Kriegsjahre aus dem Munde des Vaters von Wilhelm folgendes:

Wilhelm wurde zum Militärdienst eingezogen. Dort habe er dann militärische Dienstleistungen verweigert und sei als Folge in ein Gefängnis nach Deutschland verbracht worden. Von dort aus schrieb die Anklagebehörde einen Brief an die Eltern mit dem Hinweis, dass Wilhelm noch ‘drei Wochen Bedenkzeit habe’, um seine Einstellung zu ändern. Wilhelm blieb bei seinem ablehnenden Standpunkt und sei als Folge in Deutschland hingerichtet worden. Herr Andritsch sagte: ‘Er sei stur geblieben’. Nach der Meinung von Herrn Andritsch habe die Verhaftung von Wilhelm während der Jahre 1942/43 stattgefunden.

“3 Wochen Bedenkzeit”

Nach den 3 Wochen Gefängnisaufenthalt in Graz wurde Wilhelm nach Torgau an der Elbe überstellt. Die Anklagebehörde schrieb einen Brief an seine Eltern, in dem es hieß, dass Wilhelm noch drei Wochen Bedenkzeit habe, um seine Einstellung zu ändern.

Wilhelm schrieb alle 14 Tage an seine Familie. Er äußerte den Wunsch, seine Familie noch einmal sehen zu können. Daraufhin hatten seine 2 Schwestern, Eleonore und Pauline, die Möglichkeit, ihn am 20. und 21.04. 1944 zu besuchen. Sie erhielten jeden Tag nur 15 Minuten Sprecherlaubnis. Seine Schwester Pauline erinnert sich, dass Wilhelm mit Ketten an den Füßen vorgeführt wurde.
Vorher wurde den Schwestern noch gesagt, dass man ihren Bruder vor das Kriegsgericht gestellt und zum Tode verurteilt hatte. Er war z. B gefragt worden, ob er bereit gewesen wäre, das Flugzeug abzuschießen, dass seine Mutter getötet hatte, worauf er mit “nein” antwortete (Vgl. Feldurteil).

Man sagte den Schwestern auch, dass das Todesurteil jederzeit aufgehoben werden konnte, wenn Wilhelm widerrufen würde. So versuchten seine Schwestern Wilhelm zu überreden, seine Meinung zu ändern, doch er hatte sich bereits entschieden und sagte ihnen, dass er den begonnenen Weg nun auch zu Ende gehen wolle. Er versprach, ihnen noch auf der Fahrt nach Halle an der Saale zur schreiben, was ihm jedoch scheinbar nicht mehr möglich war, bzw. der Brief kam nicht mehr an.
Laut Bruder Josef wurde Wilhelm in der Haft durch Glaubensbrüder getauft. So stand es wahrscheinlich in seinem Tagebuch, welches zusammen mit den ganzen Abschiedsbriefen, von der Gestapo anläßlich einer Hausdurchsuchung vernichtet wurde.

Er war nicht einmal 19 Jahre alt

Am 5. April 1944 wurde Wilhelm vom Reichskriegsgericht wegen Zersetzung der Wehrkraft (§5) zum Tod verurteilt (RKA III 73/44). “Wer seinem Volk in schwerster Kriegszeit den Wehrdienst hartnäckig und unbelehrbar verweigert, hat sein Leben verwirkt. Der Senat mußte daher trotz der Jugend des Angeklagten auf die Todesstrafe erkennen.” (Feldurteil)

Am 6. April unterschrieb er sein Todesurteil, wobei ihm bis zum Schluss, die Möglichkeit offengelassen wurde, zu widerrufen.
Am 19. 05. 1944 wurde er dann nach Halle an der Saale gebracht, wo das Todesurteil durch Enthaupten vollstreckt wurde. Wilhelm war zur diesem Zeitpunkt gerade erst 19 Jahre alt.

Bei Gesprächen mit älteren Bewohnern aus dem Gebiet, die Wilhelm Mösslacher kannten, ist es allgemein bekannt, dass er um seines Glaubens willen sein Leben verloren hat.
Das Geburtsdatum mit 28.05.1925 wurde durch den Pfarrer der Gemeinde von St. Stefan/Gailtal in Erfahrung gebracht. Es war jedoch bei allen Pfarrämtern keine Angabe über den Tag seines Todes in Erfahrung zu bringen.

Rehabilitation am 8. Juni 2005

Quellen:
Feldurteil vom 12. 4. 1994, Militärhistorisches Archiv Prag

Obernosterer Baum 2010, 192
Fragebogen vom 20. 12. 1945 ausgefüllt von Eleonore Mösslacher, Jehovas Zeugen Deutschland, Geschichtsarchiv
Viebig, Michael: Das Zuchthaus Halle/Saale als Richtstätte der nationalsozialistischen Justiz, Ministerium des Innern des Landes Sachsen-Anhalt, 1998, S 211
Persönliche Erzählungen der Geschwister Pauline Wilhelmer geb. Mösslacher, Josef Mösslacher

Quelle: Gerti Malle: „Für alles bin ich stark durch den, der mir Kraft verleiht.“ Widerstand und Verfolgung der Zeugen Jehovas in der Zeit des Nationalsozialismus in Kärnten. 2011 Kitab-Verlag Klagenfurt-Wien.
Fotos aus Privatbesitz

Von |02. Oktober 2016|Opferberichte|0 Kommentare

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