Piringer Stefan

  • Piringer Stefan

geboren am: 4. Dezember 1892 in St. Leonhard a. Walde (Waidhofen an der Ybbs) Niederösterreich
Beruf: Hilfsarbeiter
Verheiratet mit: Anna geb. Graf
Kinder: 6 gemeinsame Kinder (Stefanie, Maria, Anni, Josef, Leopold, Franz)
3 voreheliche Kinder
Verstorben am: 3. April 1942 im Konzentrationslager Dachau
Zeuge Jehovas ab 1939

Gefängnis/KZ-Aufenthalte:
12.6.1940 Verhaftung und Einlieferung ins Landesgericht St. Pölten
3.11.1940 Verurteilung zu 18 Monaten Zuchthaus
15.3.-3.4.1942 KZ Dachau, am 3.April 1942 dort verstorben

Stefan und Anna (Lebensbericht Anna) heirateten 1927 und wohnten in Zell/Waidhofen a. der Ybbs, Hauptplatz 18. Sie beschäftigten sich seit 1929 mit den Lehren der Bibelforscher und 1933 traten sie aus der r. k. Kirche aus. Im Jahr 1938 lernten sie die Zeugin Jehovas Judith Hochegger kennen, die ebenfalls in Zell wohnte.
Judith Hochegger taufte Stefan und seine Frau im Jahr 1939.

Stefan und seine Frau trafen sich mit Judith Hochegger im privaten Rahmen und widmeten sich dem Studium der Bibel und den Schriften der Zeugen Jehovas.

“Wir haben schon gewählt”

Bei der Volksabstimmung über den Anschluss am 10. April 1938 kam es für das Ehepaar Piringer offensichtlich zur ersten Konfrontation mit den Nationalsozialisten.

In einem Bericht über die „Wahl“ in Zell a. d. Ybbs bei Waidhofen/Ybbs erschien folgender Bericht: „Von 802 Stimmberechtigten haben um 10 Uhr vormittags bereits 406 ihre Stimme abgegeben. In Zell a. Ybbs. gibt es drei Wahlberechtigte, welche der Sekte der Bibelforscher angehören. Ein Mann und eine Frau (Ehepaar) sind nach gütlichem Zureden wohl zur Wahl erschienen, sie zerreißen aber öffentlich den Stimmzettel mit den Worten: „Wir haben schon gewählt. Unser Führer ist Jehovah! Das Reich wird genau so zerfallen, wie der Stimmzettel zerrissen wird.“ Bei diesem Ehepaar handelt es sich um Anna und Stefan Piringer, die hiermit das erste Mal aktenkundig wurden und bald darauf in ihrer Widerstandsfähigkeit schwer auf die Probe gestellt wurden.

Die Kinder werden ihnen weggenommen

Am 9. 11.1939 werden ihnen die 6 Kinder weggenommen, weil sie sie nach den religiösen Grundsätzen der Zeugen Jehovas erzogen. Alle 6 Kinder kamen laut Aussage der Tochter Stefanie zu Pflegeeltern nach Deutschland in Nordrhein Westfalen.

Im April 1940 schrieb Judith Hochegger im Namen des Ehepaares Piringer einen Brief an die Pflegeeltern des kleinen Franz Piringer, in dem sie sich nach dem Befinden ihres Kindes erkundigten und ihn zurückforderten.

„Wir, Anna und Stefan Piringer, ersuchen, uns volle und aufrichtige, wahre Mitteilung zu machen, wie es unserem Kinde Franzerl geht? Ob er gesund ist? Ob er operiert wurde, da er einen Bruch hatte? Er ist, wie Sie gesehen haben werden, schon einmal operiert worden, hier in Waidhofen/Ybbs. Aber die Herren Ärzte haben es nicht erkannt, wo das Kind den Bruch hatte, und haben ihn an der verkehrten Stelle operiert. Das machte nur die Weltweisheit, welche zur Torheit wird. Das Kind Franzi war im Februar erst 3 Jahre alt, folgedessen glaubt man, mit dem Kinde tun zu können, was man will. Aber bildet Euch das ja nicht ein, denn das Kind steht unter Gottes Schutz. Vielleicht wißt auch Ihr gar nicht, aus welchem Grunde uns die Kinder genommen wurden!? Wir wollen es Euch hier kurz berichten! Weil wir Zeugen Jehovas sind und die Kinder nicht nach den staatlichen Wahnsinnsideen erziehen, sondern die Kinder in der Bibel unterrichten. Und nicht das „Heil Hitler“ grüßen lernen; 1) kann ein Mensch kein Heil bringen, und 2) sieht man ja ohnehin, welch ein Unheil er schon gebracht hat. Wir fordern sie deshalb auf, uns offen und ohne Hinterhalt mitzuteilen, wie es unserem Kinde Franz geht!? Denn daß es ihm körperlich gutgeht, hoffen wir ja. Denn ein Kind mit 3 Jahren kann doch nicht schlecht behandelt werden, da es noch gänzlich unsündig ist.
Aber wie es mit der geistigen Erziehung des Kindes ist, das fragt es sich!? Wenn Ihr Pflegeeltern des Kindes an keinen Gott glaubt und den Führer des Deutschen Reiches als Euren Erretter betrachtet, dann wissen wir auch, daß es dem Kinde schon der „Heil Hitler“-Gruß eingedrillt wird. Aber wir wissen, daß Vater Jehova über dem Kinde wacht. Wir können überhaupt nichts urteilen, weil wir nichts sehen, aber der Herr sieht ins Verborgene. Jehova und Christus wissen alles und werden jeden belangen nach dessen Werken. Denn es nützt nichts, wenn Sie das Kind körperlich gut pflegen, wenn es geistig verwahrlost wird! Denn was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinne, aber ins ewige Verderben ginge. Mann (will) früher nicht daran glauben, bis die Schlacht des großen Gottes hereinbricht, dann wird ein furchtbares Gemetzel sein, und die Toten werden liegen, von einem Ende der Erde bis zum anderen. Und es wird niemand sein, der sie begräbt. Denn Jesus Christus, der große Keltertreter, wird kommen und in seinem Grimm und wird die Kelter treten, denn die Ernte wird reif. Denn im Deutschen Reiche ist unschuldig Blut in Strömen geflossen und fließt noch durch die Hinrichtung der Zeugen Jehovas. Denn der Herr wird sich rächen. Christus Jesus hat ja gesagt: Sie werden euch den Gerichten und Statthaltern überliefern zum Zeugnis, sie werden auch einige von euch töten. Darum, da Ihr ja doch gar nicht so schlecht gesinnt sein werdet, hoffen wir. So warnen wir Euch, in Eurem Interesse umzukehren und abzulassen von dieser Ungerechtigkeit.
Wir raten Euch, machet Euch des Kindes los, indem Ihr es zurückgebt oder daß Ihr uns des öfteren vom Franzerl mitteilt die volle Wahrheit, wie er sich befindet, ob er abgehärmt, ob gesund oder krank ist. Wir finden uns in das Schicksal schon ein, denn wir wissen, daß es kommen muß, denn sonst ginge die Schrift nicht in Erfüllung.
Wir wissen wohl, daß Ihr nichts dafür könnt, daß (Ihr das) Kind übernommen habt, deshalb hoffen wir auch, daß Ihr (das) Kind sorgfältig betreut. Denn die Trennung dauert nicht mehr lange. Denn Harmagedon wird bald hereinbrechen, dann naht die Erlösung wie in Jesaja 63:4. Wir hoffen, daß Ihr alles beachtet, und ersuchen um baldige Nachricht von unserem Kind Franzerl, und zeichnen
Anna und Stefan Piringer“

Verhaftung und Tod im KZ

Dieser Brief wurde von den Empfängern der Polizeibehörde übergeben. Daraufhin wurden Stefan und Anna Piringer am 12.6.1940 um 9.30 Uhr und am gleichen Tag auch Judith Hochegger verhaftet.

Das Ehepaar Piringer wurde wegen Teilnahme an einer wehrfeindlichen Verbindung mit Vergehen nach dem Heimtückegesetz zu je 1 Jahr und 6 Monaten Zuchthaus verurteilt.

Am 22.12.1941 wurde Anna von dem Frauenzuchthaus Aichach (Bayern) nach Verbüßung einer 1½ jährigen Zuchthausstrafe rücküberstellt. Da sie sich bei der neuerlich aufgenommenen Niederschrift nach wie vor als Zeugin Jehovas bezeichnete und die staatlichen Gesetze nur so weit anerkannte, so weit sie mit den Geboten Jehovas übereinstimmten, wurde Antrag auf Einweisung ins Konzentrationslager gestellt.

Anna verstarb am 28. 2. 1944 im KZ Ravensbrück.

Stefan Piringer wurde nach Verbüßung der Zuchthausstrafe (es wurde bislang nicht eruiert, in welchem Zuchthaus er die Strafe verbüßte) am 15. 3. 1942 ins KZ Dachau überstellt, wo er bereits am 3. 4. 1942 verstarb.

Schicksal der Kinder

Die Tochter Marie erinnert sich 1999: „Am 9.11. 1939 wurden wir drei ältesten Geschwister 11, 8 und 6 Jahre gewaltsam von der Schule in Waidhofen/Ybbs geholt. Vor der Tür stand ein Lastwagen, darauf befanden sich schon unsere jüngeren Geschwister Anni (5 Jahre), Leopold (4 Jahre) und Franz (2 Jahre). Wir alle schrien nach Mutter. Können sie sich vorstellen, wenn 6 Kinder nach der Mutter schreien? Sie brachten uns mit einem Zettel um den Hals, auf dem der Name stand, nach München, von dort ging es weiter mit dem Zug nach Paderborn. Dort wurden wir mit Gewalt auseinandergerissen, wir hatten uns gegenseitig festgehalten. Wir kamen alle zu verschiedenen Pflegeplätzen.“
Die Kinder wurden in Deutschland bei verschiedenen Pflegeeltern untergebracht und katholisch erzogen. Josef musste 1945 mit 16 Jahren Soldat werden und starb im Krieg. Nach dem Krieg kamen die Burschen wieder nach Österreich zurück, die Mädchen blieben in Deutschland.
Franz ist vor einigen Jahren gestorben und die anderen Geschwister leben in Deutschland bzw. Leopold in Österreich.

Quellen
Persönlicher Bericht von Stefanie (geb. Piringer) aus dem Jahr 1999
Gestapo Tagesrapport Nr.2 vom 6.-7. Jänner 1941
DÖW: Widerstand und Verfolgung in Niederösterreich, Bd 3, S277, 288-290, 693

Von |07. Februar 2018|Opferberichte|0 Kommentare

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