geboren am: 28. Dezember 1906 in Graz, Steiermark, Österreich
Eltern: Hans & Theresia Siak geb. Kienbacher
Ziehmutter: Johanna Schunko (Lebensbericht)
Wohnort: Graz, ab 1934 Grünegasse 43 bei Johanna Schunko, ab 1945 Graz, Lendplatz 28
Beruf: Näherin
Religion: konvertiert zu den Zeugen Jehovas am 5.9.1936 (Taufe in Luzern)
Heirat: 1948 mit Johann Haring
Verstorben: 21.09.1990

Stolpersteinverlegung: 23. Oktober 2021, Graz, Grüne Gasse 43

Verhaftung: 07.11.1939 16 Uhr bis 14.12.1939, Polizeigefängnis Graz Paulustor und Landesgericht Graz

Kindheit und Jugend
Olga wurde am 28.12.1906 in Graz geboren. Sie besuchte die Volksschule und danach die 2jährige Bürgerschule. Olgas Eltern Hans (Tischlergehilfe) und Theresia Siak erzogen Olga nach strengen Grundsätzen. Ihre Eltern waren keine Kirchgänger, aber dennoch halfen sie ihrer Tochter an Gott zu glauben und Olga ging als Kind auch gerne zur Kirche.
Ihr Vater verstarb in der Kriegsgefangenschaft und ihre Mutter auch bereits 1918. Olga kam als 12jähriges Mädchen zunächst ins Waisenhaus bis sie 1920 von ihren „streng katholischen Großeltern“ aufgenommen wurde. Ihr Großvater Josef Kraus hatte eine Tischlerei. Die Zeit bei ihren Großeltern beschreibt sie von viel harter Arbeit und wenig Liebe geprägt. Freizeit gab es nur für den Kirchgang. Bis 1934 arbeitete sie im Haushalt und in der Tischlerei ihres Großvaters.
Von 1934 bis 1936 arbeitete sie im Haushalt der Familie Steinberger. Danach zog sie zu Johanna Schunko und arbeitete als Näherin.

Religion

Olga war schon von früher Kindheit an Religion interessiert. Sie erinnert sich:

„Mein Interesse an Religion und an der Bibel im Besonderen, reicht bis in die Schulzeit zurück, und schon, in der Volksschule wünschte ich mir sehnsüchtig eine Bibel, eine dicke grosse Bibel, wie ich sie in den Schaufenster einer Buchhandlung immer wieder betrachtete. Mein Vater versprach mir diesen Wunsch bei Gelegen-zu erfüllen, aber als ich über diese Sache einmal zu meinen Religionslehrer sprach, wurde er sehr zornig und brüllte mich an: Das Lesen und Forschen in der Bibel komme einen Zweifel an der Autorität der kath. Kirche gleich und sei eine Todsünde. …
Zutiefst erschrocken über diese vermeintliche Todsünde, gab ich meinen Wunsch nach einer Bibel sofort auf.“
Schließlich lernte sie in der Nachbarschaft ein gleichaltriges Mädchen namens Maria Schunko kennen, das ihre Freundin wurde. Durch Maria und deren Mutter Johanna Schunko, die in der Grünegasse 43 wohnten, kam sie mit den Zeugen Jehovas in Berührung.

„Die alte Frau hatte durch die Praktiken eines Klosters Hab und Gut verloren, war aber auch von den anderen Sekten, deren Vorträge sie besuchte, sehr enttäuscht. Überall war man nach mehrmaligen Erscheinen an der Mitgliedschaft und am Beitrag interessiert. Sie dachte an die Worte Jesu aus Matt 10:8 und suchte weiter. Dann kam sie mit Zeugen Jehovas in Berührung und erkannte bald, dass sie die Wahrheit gefunden hatte. Fortan besuchten die beiden Frauen fleißig die Zusammenkünfte, die damals noch frei waren und jeweils in den größeren Sälen unserer Stadt abgehalten wurden. Auch das Fotodrama konnten sie sehen und erzählten mir begeistert davon. Leider konnte ich das alles nicht miterleben, da mein Großvater es nicht duldete. Das erste, was mir die Beiden schenkten, war eine Bibel mit der Widmung aus Matth.24:14. Das war eine Freude, obwohl ich das Meiste nicht verstand. Dann bekam ich das Buch „Die Schöpfung“ und „Die Harfe Gottes.“

Nachdem ihre Großmutter verstorben war, wollte der Großvater sie noch stärker in das religiöse Leben der katholischen Kirche einbinden. Olga wollte dies aufgrund ihrer neuen Überzeugung nicht mehr, was zu einem Bruch mit ihrem Großvater führte. Sie entschied sich schließlich 1934, Olga war inzwischen 28 Jahre alt, zu Maria und Johanna Schunko zu ziehen, die sie wie eine Tochter aufnahmen.

„Ich zog zu der Mutter meiner Freundin, die ich von da ab auch Mutter nannte, die sie mir auch wirklich ersetzte .Und so begann ein neues Leben für mich, der ewige Zwiespalt in meinen Gewissen hatte ein Ende und ich konnte von nun an, jede Woche den Vortrag und das W.T.Studium besuchen, die Donnerstags Abend stattfanden.”

Olgas Entschluss eine Zeugin Jehovas zu werden wurde immer stärker und schließlich trat sie aus der Kirche aus. Als ihr Großvater davon erfuhr, enterbte er sie. Finanziell war es für Olga nun nicht einfach. Sie arbeitete schließlich als Näherin.

Bei uns in Österreich hatte die Arbeitslosigkeit überhandgenommen und es war schwer für geschulte Kräfte eine passende Beschäftigung zu bekommen, erst gar nicht für mich, da ich von schlechter Gesundheit bin. Aber, obwohl ich von einem soliden Wohlstand in die tiefste Armut kam, gingen wir nie hungrig zu Bett und es erfüllte sich Psalm 37:25 ebenso sehr, wie die Worte Jesu aus Markus 1o:28-31.”

Obwohl das Werk der Zeugen Jehovas ab 1934 immer mehr von kirchlicher und staatlicher Seite behindert wurde, besuchte Olga alle Veranstaltungen der Zeugen Jehovas in Graz. (Anm. Vgl. Gestapoprotokoll: Beim Sandwirt, in einem Lokal in der Sackstraße, beim Schwechater, im Mozartsaal).

“Da unser Werk inzwischen schon unter einem gewissen Verbot stand, fanden die Vorträge in einem kl.Gastlokal dem „Sandwirt“ am Stadtrand statt, aber es wurde niemand mehr eingeladen dazu, da die Brüder immer rechneten, dass uns einmal die Polizei mit dem grossen Wagen holen werde. Soviel ich mich erinnere, haben damals hauptsächlich Br.Payer, Br.Wochinz und ab und zu ein Bruder von auswärts gesprochen.”

Olga besuchte trotz allem größere Veranstaltungen der Zeugen Jehovas wie 1935 die sogenannte Hauptversammlung in Marburg/Drau und 1936 den Kongress in Luzern/Schweiz. Dort wurde sie als Zeugin Jehovas getauft. Sie beschreibt diesen Kongress sehr ausführlich:

Obwohl ich zu der Zeit die Mittel für eine solche Reise nicht gehabt hätte, hat mir eine Pionierschwester (Anm. Maria Reiter), die damals schon einige Jahre in unserer Stadt wirkte das Geld für diese Fahrt vorgestreckt. Ich hätte mich nicht getraut es anzunehmen, aber sie meinte, das würde für mich ein schöner Anfang sein und ich könnte mich auch dort untertauchen lassen, nachdem ich schon längst bereit war, Jehova zu dienen und nur ihn anzubeten. Bald kam dann der Tag, an dem wir zeitlich morgens, mit einem ganz neuen Omnibus von Graz wegfuhren, zirka 4o-45 Personen, darunter 4 deutsche Pioniere, die des Öfteren bei uns zu Besuch waren. Wir fuhren über Klagenfurt nach Innsbruck, wo wir nächtigten und am nächsten Tag weiter nach Luzern.

Dann kam der Tag der Taufe es waren sehr viele zum Untertauchen bereit… Viele Brüder aus Deutschland waren geheim über die Grenze gekommen, so manche von ihnen wurden bei der Rückkehr verhaftet.”

In Luzern beteiligte sich Olga das erste Mal an der Predigttätigkeit von Haus zu Haus und setzte diese Tätigkeit auch nach ihrer Rückkehr fort.

“Da wir nur eine Versammlung (in Graz) waren, gab es in der Stadt Gebiet in Fülle. 2-3 mal im Monat fuhren wir ins Landgebiet. Ost- West und Südsteiermark -war unser Teil, wir fuhren schon mindestens zwei hinaus, trennten uns dann immer, und bearbeiteten das Gebiet alleine. Nicht mit Aktentasche oder größerer Handtasche, das wäre zu auffallend gewesen, ich ging immer mit Rucksack, wie ein Wanderer. Wir mußten auch am Land sehr vorsichtig sein, denn an jeder Tür oder jedem Haus war es möglich, das ein Fanatischer uns anzeigte und wir verhaftet wurden. Mir persönlich ist dies hier bei uns zwar nie passiert, aber meine Freundin und noch ein Bruder, der in derselben Ortschaft predigte, wurden an einem Sonntag verhaftet, über Nacht in den Gemeindearrest gesteckt, nächsten Tag aber wieder freigelassen. Wenige Wochen später wurde ihnen der Prozeß gemacht und sie wurden zu 3 Wochen Arrest verurteilt, die sie auch gleich absaßen. Fröhlich und geistig noch stärker kamen sie wieder heraus, denn sie hatten im Gefängnis mehr Gelegenheit gehabt zum Zeugnisgeben als heraußen. So ist es mehreren Brüdern und Schwestern ergangen, auch unserer einzigen Pionierin (Anm. Maria Reiter wurde vom 25.7.1937 bis 30.7.1937 im Landesgericht Graz inhaftiert), die wir damals hatten.”

Im März 1937 war Olga dann mit drei anderen in Slowenien (Marburg, Cilli, Laibach) missionarisch tätig.

“Aber auch bei den, zirka ein Drittel deutsch Sprechenden, war in den meisten Fällen kein allzu großes Interesse vorhanden, da die Meisten von ihnen in Erwartung des “Führers” standen. Ja, manches Mal wurden sie sogar äußerst gehässig und drohten mit der Gendarmerie. Es war schon Hitlers Geist in ihnen, sie wußten wie er uns haßte.”

Olga erlebte dort auch die Freude den Glaubensbruder Toni Hafner mit seiner Familie kennenzulernen, der Jahre zuvor nach Slowenien gezogen war.

Im Herbst 1937 besuchte sie den Kongress in Prag, der ihr besonders in Erinnerung blieb und der letzte für 10 Jahre sein sollte. Dort wurden alle Besucher auf die kommende Verfolgung vorbereitet.

“Im Herbst 1937 gab es noch einmal ein Festessen, in Form eines größeren Kongresses in Prag. Und wir fuhren, obwohl sich viele von uns vom Mund absparen mußten. Wie die Brüder das machten, dass wir trotz der politischen Spannungen fahren konnten, wussten wir nicht …. Für viele von uns war es die letzte geistige Stärkung da ja viele unserer jungen Brüder in den Jahren, die kamen, ihr Leben lassen mussten.

Die drei Frauen von der Grünegasse waren sehr gastfreundlich, immer wieder nahmen sie als Übernachtungsgäste Glaubensgeschwister auf. (Anm. Fini Platajs Vgl. EB Olga Haring, S.14)”

1938 – 1945

“Inzwischen war das Jahr 1938 herangekommen, das für viele ein Prüfung wurde. Durch die Berichte in den Zeitschriften waren wir, wie schon erwähnt, auf alles gefaßt. Schon Wochen vor dem Einmarsch standen die Männer vor dem SS-Posten mit erhobener Hand und einem Blick, vor dem uns graute.

Am 13.März 1938 am Abend war ich am Nachhauseweg von meiner Arbeit, konnte aber an den großen Menschenmassen nicht vorbeikommen und mußte durch eine andere menschenleere Gasse ausweichen. Dort begegnete mir, knapp vor dem Abbiegen zu meiner Wohnung ein älteres, fremdes Ehepaar, das mich mit dem deutschen Gruß begrüßte. Ich sagte nur guten Abend und wollte vorbei. Der Mann lief mir nach, packte mich ziemlich grob am Arm und schrie mir noch einige Male seinen Gruß ins Gesicht. Als er sah, daß ich nicht mit denselben Gruß erwiderte, sagte er mir, ich müsse mit ihm zum SS-Posten. Er ließ mich nicht mehr los, sondern zerrte mich die Strasse hinunter, wobei er ununterbrochen schrie: Die Dame verweigert den Hitlergruß und ist eine Staatsfeindin!  Das Jubelgeschrei der Menschenmassen war aber so arg, dass es niemand auffiel, wie der Mann brüllte. Erst am Lendplatz wurden 2 Wachmänner auf diesen Verrückten aufmerksam und fragten, worum es gehe. Ich hatte den ganzen Weg zum Herrn gebetet und seine Hilfe kam tatsächlich in Form dieser zwei Beamten. Sie ließen nicht zu, daß der Mann mich zum S.S. Posten schleppte, sondern nahmen uns alle mit zur Polizei. Da atmete ich schon auf, weil ich wusste, dass die nicht so fanatisch waren. Von der S.S. wäre ich nie mehr nachhaus gekommen. Bei der Polizei wurde das Paar verhört, anscheinend scharf zurechtgewiesen, denn sie stürzten nach einer Weile mit hochrotem Kopf aus dem Büro des Polizeioffiziers. Erst dann wurde ich kurz verhört, man war aber sehr höflich und das Ganze hatte keinerlei Nachspiel.”

10 April 1938 Wahltag

“8 Tage vorher, war ein S.S. Mann zu uns gekommen, der gleich bei der Tür herein sagte, er habe gehört, dass wir nicht zur Wahl gehen, wir haben zwar zu niemand darüber gesprochen, aber wahrscheinlich hat jemand an unserer einfachen Wohnungstür gehorcht. Und zwar unsre damalige Hausfrau, die uns auch später bei der Gestapo anzeigte. Der S.S. Mann war außerordentlich höflich, riet uns zwar, doch zur Wahl zu gehen, um allen Unannehmlichkeiten auszuweichen. Wir fragten ihn ob es ein Gesetz gäbe, das uns dazu zwänge, er betonte immer wieder, die Wahl sei frei! Er gab uns sogar seine Anschrift: falls wir Hilfe brauchten sollten wir uns an ihn wenden

Dann kam dieser lO. April 1938.Eingedenk dessen, das wir von Deutschland gelesen hatten, waren wir auf das Ärgste gefaßt. Ab 8 Uhr kamen sie abwechselnd mit Auto und Fiaker, um uns zu holen. Es waren meistens S.A.Männer, teils auch SS. Sie redeten uns gütigst zu und betonten, das sie sogar Klosterschwestern dazu gebracht hätten, zur Wahl zu gehen.  Als ob wir Wert darauf gelegt hätten, mit diesen Damen auf eine Stufe gestellt zu werden. Aber wir hatten für alle die Bibel bereit. Und zwar in erster Linie die Stelle aus Apg.4:l2 wo gezeigt wird, dass wir das Heil nur von Christus erwarten und dann hatte ein Bruder- noch eine Stelle gefunden, die bei allen, die sie lasen, wie eine Bombe einschlug. Ich muß heute noch lachen, wenn ich an die überraschten Gesichter denke, als sie diesen Vers lasen, des. 41:24 sagt, gemäß Luther,  ähnlich auch Elberfeld. “Siehe, ihr seid aus nichts, und euer Tun ist auch aus nichts, und euch wählen ist ein Greuel” —Immer wieder lasen sie diese Worte, keinem fiel es ein, das vorhergehende oder das nachfolgende zu lesen, dann hätten sie merken müssen, das dies mit einer politischen Wahl gar nichts zu tun hat. Sie murmelten nur immer wieder, na das sowas in der Bibel steht und dann gingen sie, ohne uns mitzunehmen.13 mal kamen sie an einem Vormittag, dann hatten wir Ruh. Unser Nachbar, der Taxifahrer in der Stadtmitte war, erzählte uns am Abend, das man sogar am Hauptplatz davon gesprochen hatte, dass sie drei „narrischen Weiber“ von der Grünegasse, wo wir damals wohnten, nicht zur Wahl gegangen waren. Alle Hausparteien hatten uns gesagt, dass wir deswegen großes Unheil zu erwarten haben, aber nichts dergleichen geschah, obwohl wir vollständig angekleidet zu Bett gingen, da wir wußten, daß die Gestapo am liebsten zwischen 1-2 Uhr morgens kam.

Eine Zeitlang bekamen wir auch noch unsere Zeitschriften, jeweils in verschiedenem Umschlag. Beim Überbringen zu unseren Interessierten mussten wir besonders vorsichtig sein, da damals jeder Polizist das Recht hatte, zu verlangen, dass er in die Tasche schauen durfte. So nähten wir uns Innentaschen in unsre Mäntel oder wenn jemand Stiefel trug, so wie ich, taten wir die Zeitschriften in den Stiefelschaft.”

Herbst 1939

„Für die Brüder kam die Zeit besonders tapfer zu sein. Und es war für viel gut alleinstehend geblieben zu sein, denn ohne Familie zu hinterlassen, war der Abschied leichter.“

„Und so kam es dann im Herbst 1939 dass einer nach dem anderen zur Musterung einberufen, den Wehrdienst aus christlicher Überzeugung ablehnte und dann verhaftet wurde.“[1]

„Bevor es soweit war, hatten wir uns zum Lesen in der Bibel in den verschiedenen Wohnungen getroffen, auch in unserer, nur immer 4-5 Personen, ahnten aber nicht, dass wir schon beobachtet wurden.“

Inhaftierung von Olga und Johanna

Olga erkrankte im Herbst 1939 schwer und war sehr geschwächt, als sie schließlich im November 1939 zusammen mit ihrer 71jährigen Zieh-Mutter Johanna Schunko verhaftet wurde. [2]Sie wurden schon längere Zeit beobachtet und schließlich wegen ihrer Bibeltreffen angezeigt. Man warf ihr vor die Glaubensbrüder beeinflusst zu haben den Kriegsdienst zu verweigern. Das bestritt sie aber, „denn diese Männer waren schon seit Jahren bereit treu und loyal zu bleiben. Sie brauchten keine Beeinflussung, außer durch Gottes Geist, der sie über alle Maßen stärkte.“

Die beiden Frauen wurden in getrennten Zellen eingesperrt.

“Zuerst kamen wir für zirka 1o Tage ins Polizeigefängnis, das überfüllt war mit zweifelhaften Frauen, die man von der Strasse zusammengefangen hatte und meistens auch noch angesteckt waren. Das waren einige schlimme Tage, die Zelle dreifach vergittert, die Verdunkelungsrollo zu 2 Drittel herunten, so dass man kaum das Tageslicht sah. Mutter und ich waren streng getrennt und ich durfte mich nicht einmal nach ihrem Gesundheitszustand erkundigen. Sie war schon 72 Jahre, als wir verhaftet wurden, aber trotz ihrer körperlichen Gebrechen geistig äußerst tapfer. Die Verhöre, denen wir täglich unterzogen wurden, waren uns keine Last, sie waren so richtig geistige Kämpfe, die mich direkt erfrischten.”

Olga wurde die sogenannte Verpflichtungserklärung vorgelegt, die ihr ermöglicht hätte, sofort frei zu kommen. Sie weigerte sich allerdings mit den Worten: „Die mir von der geheimen Staatspolizei vorgelegte Erklärung kann ich nicht unterschreiben, da ich beabsichtige Zeuge Jehovas zu bleiben und vollkommen nach der Bibel leben werde.“ (Gestapoprotokoll vom 18.11.1939))

Olga lernte in der Haft auch eine gewisse Gräfin Gross (Groess?) kennen, die einer monarchistischen Razzia zum Opfer gefallen war. Die beiden führten angeregte Gespräche und blieben auch nach ihrer Inhaftierung in Kontakt.

Nach einigen Tagen Haft im Polizeigefängnis wurde Olga mit Johanna in das Landesgericht überstellt:

„Einige Tage später wurden wir in das Landesgericht überstellt, was in jeder Hinsicht gut war. Die Zelle war hell und sonnig, die Frauen durchwegs nett, meist wegen Schwarzhören in Haft und vor allem, war es dort sehr reinlich. Als uns der Richter, ein älterer Jurist in Empfang nahm und die Akten durchblätterte, schüttelte er den Kopf und sagte: „Wegen dem Bibellesen wurden Sie verhaftet, das ist doch nicht verboten! Von ihm aus, meinte er könnten wir sofort nach Hause gehen. Aber, zischte er dann zwischen den Zähnen hervor, „diese Buben da oben“, er meinte die Nazis haben ja mehr Macht als wir gelernte Juristen. …

Mehr Sorge machte mir das Befinden meiner [Zieh-] Mutter, die körperlich sehr litt, da sie diese Kost nicht vertrug. Ich erfuhr das durch Zufall, denn sprechen durfte ich nie mit ihr wegen „Verabredungsgefahr“….

Einmal in der Woche konnte man sich zum Richter oder Arzt melden. Die Frauen in meiner Zelle gaben mir den Rat, ich solle beim Richter um Freilassung für die [Zieh-] Mutter ansuchen, was ich auch tat.”

Am 14.12.1939 wurde das Strafverfahren eingestellt und die beiden konnten am nächsten Tag in ihre Wohnung zurückkehren. Olga berichtete:

„Einige Wochen später wurde ich zum Richter gerufen, denselben, den ich eingangs erwähnte und er machte mir die Eröffnung, dass dem Ansuchen stattgegeben worden war und die [Zieh-] Mutter frei sei. Wie glücklich ich war, als ich dies hörte, ein Sten fiel mir vom Herzen und ich dankte nicht nur dem Richter, sondern vor allem [meinen Gott] Jehova. Alles andere, was nun kommen sollte, würde ich nun leichter tragen, denn ich rechnete noch immer mit dem Abschub ins KZ. Man hatte der alten Frau [Ziehmutter Johanna Schunko] ihre Freistellung schon mitgeteilt, aber sie hatte gesagt: „So lange meine [Zieh-] Tochter nicht nach Hause darf, geh ich auch nicht!“ So etwas war dem Richter noch nicht untergekommen, er lachte herzlich und ich auch. Dann wurde er wieder sehr ernst und sagte zu mir: „Mit ihnen steht es leider schlechter, denn der Staat versucht durch die lange Haft ihre Überzeugung zu brechen!“ Dann schob er seine Akten zusammen und war bei der Tür draußen, noch bevor ich ein Wort erwidern konnte. … ich fühlte mich so richtig befreit und rechnete mit dem baldigen Abtransport ins KZ. Denn damit hatte man mir bei der Gestapo ja oft gedroht und ich wusste, dass schon viele Schwestern diesen Weg gegangen waren. Ich schlief wunderbar in dieser Nacht und ahnte nicht, was nächsten Tag sein würde. Am nächsten Morgen um 7 Uhr erhielt ich die Weisung mein Bündel zu packen, ich werde der Gestapo überstellt, aha, dachte ich und von dort ins Lager. Aber siehe da, 2 Stunden später waren wir beide in Freiheit.“

Olga erwähnte in ihrem Erinnerungsbericht, dass sie zu derselben Stunde freigingen, wo Karl Endstrasser als Wehrdienstverweigerer in Berlin hingerichtet wurde.

Johanna und Olga mussten nach der Haftentlassung immer wieder mit finanziellen Problemen kämpfen – sie verloren dreimal ihre gesamtes Hab und Gut – erlebten aber auch große Unterstützung vor allem durch Olgas Arbeitgeber, der Geschäftsfamilie Florian.

“Auf alle Fälle haben wir weiterhin für dieses Haus gearbeitet, obwohl der Chef gewarnt worden war, uns beide nach der Haftentlassung keine Arbeit mehr zu geben, da wir nach wie vor als „Volksfeinde“ zu betrachten wären. Er lachte nur über diese Warnung und sagte, solange er lebe, werden sie beide gut zu uns sein. Tatsächlich hatte diese Frau uns noch am selben Tag, als wir frei gingen, einen großen Pack voll Lebensmittel gesandt, sodass wir die Tage ohne Karten leicht überbrücken konnten. Sie beide waren um diese Zeit von dem neuen System schon so enttäuscht worden, dass sie uns auch in Zukunft viel Gutes taten.”

Letzte Kriegsmonate

“Dann kam die Bombenzeit, die bei uns, im Vergleich zu Deutschland, nur kurz war, aber es hatte uns gereicht. Wir wohnten in einem 2 stöckigen Haus, das ganz frei stand, neben einer Gärtnerei, mit sehr vielen Glashäusern. Dieser galt wahrscheinlich der Angriff, der uns Anfang Jänner 1945 erwischte. 2 Volltreffer ins Haus und 15 Trichter rundherum. Wir hatten kaum Zeit in den Keller zu gelangen, dann war schon alles vorbei. Die übrigen Parteien, die sonst immer in den Schloßbergstollen gegangen waren, hatten diesmal nicht einmal Zeit ihre Schuhe anzuziehen. Dadurch, das sie neben uns stehengeblieben waren, hatten sie ihr Leben gerettet, im Luftschutzraum wären sie alle tot gewesen. Kein Mensch dachte, das aus diesem Trümmerhaufen, auch nur einer lebend herauskommt. Tatsächlich sagten sogar Ungläubige, das ein Wunder geschehen war. Eine Kundin, die zwar sehr religiös, aber trotzdem immer in Furcht vor den Bomben lebte, sagte zu mir:  Eure Hausleute könnten sich bei euch bedanken, denn euer Gott hat euch errettet “

Nun stand ich auf der Strasse, im knietiefen Schnee, in der linken Hand eine Tasche mit ein paar Habseligkeiten, an der Rechten meine alte Mutter, nun hatte ich zum drittenmal im Leben Hab und Gut verloren. Jehova hatte auf wunderbare Weise unser Leben geschützt und würde uns auch wieder ein Dach geben, davon waren wir überzeugt .Wir hatten auch keine einzige Träne vergossen, obwohl Mutter am Ende ihrer körperlichen Kräfte war, waren wir keineswegs entmutigt.”

Nach dem Krieg

Olga betreut bis zu deren Tod am 17.11.1948 Johanna Schunko und heiratete im selben Jahr den Glaubensbruder Johann Haring aus Graz, der einige Jahre Haft erdulden musste.

“Von den wenigen Brüdern, von denen wir in der Vorkriegszeit besser bekannt waren, war nur einer zurückgekommen. Er war zu vielen Jahren Freiheitsstrafe verurteil t geworden, die er erst nach dem “Sieg” wenn es zu einem solchen gekommen wär, hätte absitzen müssen.

Er war in der Strafanstalt Karlau ausgebombt worden, vom 3. Stock in die Tiefe gestürzt, und hatte o Wunder nur wenige Hautabschürfungen erlitten, obwohl es damals dort viele Tote gab. Im Jahre 1948 hatten wir dann geheiratet, um gemeinsam mit Jehovas Hilfe von vorne zu beginnen.”

Olgas Ehe bleibt kinderlos, sie überlebt ihren Mann Johann und lebt weiterhin in der Wohnung am Lendplatz. Sie bleibt eine aktive Zeugin Jehovas und verstirbt mit 84 Jahren in Graz.

 

Anm: Rechtschreibung wurde nicht korrigiert.


[1] Endstrasser Karl 10.9.1939 verhaftet, Korb Franz am 6.12.1939 zum Tod verurteilt, Hart Rudolf am 8.12.1939 verhaftet, Rupert Heider im Februar 1940 verhaftet, Johann Moser am 1.6.1940 verhaftet

[2] Zu dieser Zeit dürfte Maria schon in der Anstalt gewesen sein.

 

Quellen:

Erinnerungsbericht Olga Haring geb. Siak vom 9.3.1971

Landesarchiv Graz: Gestapoberichte vom Dezember 1939

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Auszug aus der persönlichen Niederschrift von Olga Haring (geb. Siak) 9. März 1971

Meine Mutter prägte mir als Kind ein „Gott zu fürchten“. Schon in der Volksschule wünschte ich mir sehnsüchtig eine Bibel, eine dicke große Bibel, wie ich sie in dem Schaufenster einer Buchhandlung immer wieder betrachtete. Mein Vater versprach mir diesen Wunsch bei Gelegenheit zu erfüllen. Als ich über diese Sache einmal zu meinem Religionslehrer sprach, wurde er sehr zornig und brüllte mich an: „Das Lesen und Forschen in der Bibel komme einem Zweifel an der Autorität der katholischen Kirche gleich und sei eine Todsünde. Merk dir das!“

Inzwischen war das Jahr 1938 herangekommen. … Durch die Berichte in den Zeitschriften [Literatur der Bibelforscher, wie man Zeugen Jehovas nannte] … waren wir auf alles gefasst. Schon vor dem Einmarsch standen die Männer vor dem SS Posten mit erhobener Hand und einem Blick, vor dem uns graute. Und beinahe hätte ich gleich am ersten Tag des Einmarsches mit diesen Fanatikern Bekanntschaft gemacht. Am 13. März 1938, am Abend war ich am Nachhauseweg von meiner Arbeit, ich musste durch eine menschenleere Gasse gehen. Dort begegnete mir, knapp vor dem Abbiegen zu meiner Wohnung ein älteres, fremdes Ehepaar, das mich mit dem deutschen Gruß grüßte. Ich sagte nur „Guten Abend“ und wollte vorbei. Der Mann lief mir nach, packte mich ziemlich grob am Arm und schrie mir einige Male seinen Gruß ins Gesicht. Als er sah, dass ich nicht mit demselben Gruß erwiderte, sagte er mir, ich müsse mit zum SS Posten. Er ließ mich nicht mehr los, sondern zerrte mich die Straße hinunter, wobei er ununterbrochen schrie: „Die Dame verweigert den Hitlergruß und ist eine Staatsfeindin!“ Das Jubelgeschrei der Menschenmassen war aber so arg, dass es niemand auffiel, wie der Mann brüllte. Erst am Lendplatz, wo ich jetzt wohne, wurden 2 Wachmänner auf diesen Verrückten aufmerksam und fragten worum es gehe. Sie ließen nicht zu, dass der Mann mich zum SS Posten schleppte, sondern nahmen uns alle mit zur Polizei. Da atmete ich schon auf, weil ich wusste, dass die nicht so fanatisch waren. Von der SS wäre ich nie mehr nach Hause gekommen. Bei der Polizei wurde das Paar verhört, anscheinend scharf zurechtgewiesen, denn sie stürzten nach einer Weile mit hochrotem Kopf aus dem Büro des Polizeioffiziers. Erst dann wurde ich verhört, man war aber sehr höflich und das Ganze hatte keinerlei Nachspiel. … auch wenn ich auf alles gefasst war, wäre es mir um der Mutter [Schunko Johanna Ziehmutter, die leibliche Mutter ist bereits nach dem 1. Weltkrieg verstorben] willen schwer gewesen, sie hatte ohnedies nur mehr mich, da sie ihre Tochter [Maria Schunko] unter tragischen Umständen verloren hatte. Am 10. April war die Wahl, von der es hieß, sie sei frei. 8 Tage vorher, war ein SS Mann zu uns gekommen, der gleich bei der Tür herein sagte, er habe gehört, dass wir nicht zur Wahl gehen. Wir haben zwar mit niemand darüber gesprochen, wahrscheinlich hat jemand an unserer einfachen Wohnungstür gehorcht, und zwar unsere damalige Hausfrau, die uns später bei der Gestapo anzeigte. Der SS Mann war außerordentlich höflich, er riet uns zwar doch zur Wahl zugehen, um allen Unannehmlichkeiten auszuweichen. Wir fragten ihn, ob es ein Gesetz gäbe, dass uns dazu zwänge, er betonte immer wieder, die Wahl sei frei. Er gab uns sogar seine Anschrift, falls wir Hilfe bräuchten, sollten wir uns an ihn wenden. …
Dann kam dieser 10. April 1938. … Wir waren auf das ärgste gefasst. Ab 8 Uhr morgens kamen sie abwechselnd, mit dem Auto und Fiaker um uns zu holen. Es waren meistens SA-Männer, teils auch SS-Männer. Sie redeten uns gütig zu und betonten, dass sie sogar Klosterschwestern dazu gebracht hätten zur Wahl zu gehen. …

Wir zeigten ihnen aus der Bibel, dass das „Heil“ nur von Christus zu erwarten hatten. … 13 Mal kamen sie an einem Vormittag, dann hatten wir Ruhe. Unser Nachbar, der Taxifahrer in der Stadtmitte war, erzählte uns am Abend, dass man sogar am Hauptplatz davon gesprochen hatte, dass die „drei närrischen Weiber“ von der Grünegasse, wo wir damals wohnten, nicht zur Wahl gegangen waren. Alle Hausparteien hatten uns gesagt, dass wir deswegen großes Unheil zu erwarten haben. … Wir gingen angekleidet ins Bett, da wir wussten, dass die Gestapo am liebsten zwischen 1 und 2 Uhr morgens kam. Aber sie kamen vorderhand nicht. …

Eine Zeitlang bekamen wir noch unsere Zeitschriften, jeweils in verschiedenen Umschlägen. … Sehr in Acht nehmen mussten wir uns in den ersten paar Jahren, vor den marschierenden Truppen, ob SA oder Hitlerjugend, da standen die Leute sofort Spalier und jubelten oder sangen. Für uns galt es da immer, so schnell als möglich das nächste Haustor aufzusuchen. … Die Arbeitslosigkeit hatte ein Ende und das begeisterte die Menschen …, aber nicht lange, dann mussten sie für die Rüstung arbeiten. … ich hatte Glück und konnte für ein Hotel die ganze Wäsche nähen. …

Vorträge der Bibelforscher hatten wir keine mehr. … Im Herbst 1939 wurde ein Bruder nach dem anderen zur Musterung vorgeladen, jedoch lehnten sie den Wehrdienst aufgrund ihrer christlichen Überzeugung ab und wurden verhaftet. … Wir trafen uns, 4-5 Personen, in verschiedenen Wohnungen zum gemeinsamen Bibel lesen, ahnten jedoch nicht, dass wir schon beobachtet wurden.

Knapp vor Kriegsbeginn war ich schwer erkrankt, sodass man an meinem Aufkommen gezweifelt wurde. Körperlich total geschwächt, holte uns ein Monat später die Gestapo. Wir waren angezeigt worden, dass bei uns Bibellesungen stattfinden und das genügte uns eine Zeitlang zu beobachten und dann zu verhaften.  Man warf mir auch vor, die [Glaubens] Brüder beeinflusst zu haben, den Kriegsdienst zu verweigern. Das konnte ich mit gutem Gewissen bestreiten, … unsere Brüder brauchten keine Beeinflussung, sie wussten selbst was sie wollten. …

Zuerst kamen wir für ca. 10 Tage ins Polizei-Gefängnis, das überfüllt war mit zweifelhaften Frauen, die man von der Straße zusammengefangen hatte und die meistens auch noch angesteckt waren. Das waren einige schlimme Tage, die Zelle dreifach vergittert, die Verdunkelungsrollo zu 2 Drittel herunter, sodass man kaum das Tageslicht sah. Mutter [Schunko Johanna] und ich wurden streng getrennt und ich durfte mich nicht einmal nach ihrem Gesundheitszustand erkundigen. Sie war schon 76 Jahre, als wir verhaftet wurden, aber trotz ihrer körperlichen Gebrechen, geistig äußerst tapfer. Die Verhöre, denen wir täglich unterzogen wurden, waren uns keine Last, sie waren so richtig geistige Kämpfe, die mich direkt erfrischten. Diese Beamten hatten viel Zeugnis [Bibelerklärungen] [von mir] bekommen. … Nach einigen Tagen war meine Zelle leer geworden, was mir recht war. Eines Nachts öffnete sich die Tür und eine elegante Dame wurde hereingestoßen. Als sie meiner ansichtig wurde, war ihre erste Frage, weshalb ich hier sei. Als ich ihr erklärte, dass ich eine Zeugin Jehovas sei, atmete sie erleichtert auf. Sie war eine Gräfin Gross und im Zuge einer monarchistischen Razzia verhaftet worden. … Ich konnte ihr viel aus der Bibel erzählen. Sie lud mich ein, sie zu besuchen, falls ich frei komme, was ich auch tat.

Inzwischen waren die Verhöre ziemlich abgeschlossen … Einmal erzählte mir mein Referent, dass er während der Schuschnigg-Regierung auch mehrere Male verhaftet worden war und das man ihn zwingen wollte, die Namen anderer Nazis bekanntzugeben. Ich fragte ihn ob er dies auch getan habe, worauf er entrüstet antwortete: „Was fällt ihnen ein, ich werde doch meine Kollegen nicht verraten!“ Ich sagte ihm darauf, ach so und von mir verlangen sie das wohl? Damit war das Verhör beendet. …

Einige Tage später wurden wir in das Landesgericht überstellt, was in jeder Hinsicht gut war. Die Zelle war hell und sonnig, die Frauen durchwegs nett, meist wegen Schwarzhören in Haft und vor allem, war es dort sehr reinlich. Als uns der Richter, ein älterer Jurist in Empfang nahm und die Akten durchblätterte, schüttelte er den Kopf und sagte: „ Wegen dem Bibellesen wurden Sie verhaftet, das ist doch nicht verboten! Von ihm aus, meinte er könnten wir sofort nach Hause gehen. Aber, zischte er dann zwischen den Zähnen hervor, „diese Buben da oben“, er meinte die Nazis haben ja mehr Macht als wir gelernte Juristen.

Wenige Tage später bekam ich aus der Gefängnis-Bibliothek die Bibel und konnte meinen Zellengenossinnen vieles daraus erklären. Zwei der Aufseherinnen waren sehr brutal, sie betonten immer wieder, dass ich nun ein Zuchthäusler bin, obwohl sie wussten, weshalb ich dort war. Mehr Sorge machte mir das Befinden meiner [Zieh-] Mutter, die körperlich sehr litt, da sie diese Kost nicht vertrug. Ich erfuhr das durch Zufall, denn sprechen durfte ich nie mit ihr wegen „Verabredungsgefahr“, ist das nicht lächerlich? Was hätten wir uns verabreden sollen?

Einmal in der Woche konnte man sich zum Richter oder Arzt melden. Die Frauen in meiner Zelle gaben mir den Rat, ich solle beim Richter um Freilassung für die [Zieh-] Mutter ansuchen, was ich auch tat. Einige Wochen später wurde ich zum Richter gerufen, denselben, den ich eingangs erwähnte und er machte mir die Eröffnung, dass dem Ansuchen stattgegeben worden war und die [Zieh-] Mutter frei sei. Wie glücklich ich war, als ich dies hörte, ein Stein fiel mir vom Herzen und ich dankte nicht nur dem Richter, sondern vor allem [meinen Gott] Jehova. Alles andere, was nun kommen sollte, würde ich nun leichter tragen, denn ich rechnete noch immer mit dem Abschub ins KZ. Man hatte der alten Frau [Ziehmutter Johanna Schunko] ihre Freistellung schon mitgeteilt, aber sie hatte gesagt: „So lange meine [Zieh-] Tochter nicht nach Hause darf, geh ich auch nicht!“ So etwas war dem Richter noch nicht untergekommen, er lachte herzlich und ich auch. Dann wurde er wieder sehr ernst und sagte zu mir: „Mit ihnen steht es leider schlechter, denn der Staat versucht durch die lange Haft ihre Überzeugung zu brechen!“ Dann schob er seine Akten zusammen und war bei der Tür draußen, noch bevor ich ein Wort erwidern konnte. Eine ältere Frau, die auch als Aufseherin wirkte, die aber im Gegensatz zu den andren zwei, sehr nett war, holte dann ab und fragte, warum ich so erfreut aussehe, erzähle ich ihr, was der Richter gesagt hatte, wegen mir worauf sie verständig nickte und meinte: „Und der Staat wird das Gegenteil erreichen, nicht wahr?“ Über ihr Verständnis erfreut, erkannte ich, dass sie nicht für dieses Regime war. Sie war auch sonst sehr nett zu mir, soweit sie konnte. In die Zelle zurückgekommen, glaubten alle ich gehe frei, weil ich so glücklich aussah, sagten sie. Tatsächlich war mir so leicht und wohl zumute. Es war als ob der ganze Druck der vergangenen Wochen von mir gewichen war, ich fühlte mich so richtig befreit und rechnete mit dem baldigen Abtransport ins KZ. Denn damit hatte man mir bei der Gestapo ja oft gedroht und ich wusste, dass schon viele Schwestern diesen Weg gegangen waren. Ich schlief wunderbar in dieser Nacht und ahnte nicht, was nächsten Tag sein würde. Am nächsten Morgen um 7 Uhr erhielt ich die Weisung mein Bündel zu packen, ich werde der Gestapo überstellt, aha, dachte ich und von dort ins Lager. Aber siehe da, 2 Stunden später waren wir beide in Freiheit. Wir waren so überrascht, dass wir wie im Taumel nach Hause gingen. Nur der eine Gedanke kam immer wieder, wenn doch alle anderen, der Unsrigen auch schon frei wären. Da es sich bei uns nur um eine Untersuchungshaft gehandelt hat, waren wir nach knapp 2 Monaten unter die Amnestie gefallen.

Wir brauchten mehrere Tage um uns an das Alltagsleben wieder zu gewöhnen, man möchte das kaum für möglich halten. Da schon vor unserer Inhaftierung die Lebensmittel auf Karten waren, gab es weder Brot noch Milch, da es ein paar Tage dauerte bis wir wieder regulär gemeldet waren. Aber Jehova sorgte auch hier, wie ein liebender Vater, für uns, indem er andere benützt, uns Gutes zu tun. Ein Ehepaar, für das ich schon lange arbeitete und die überzeugte Nazis gewesen waren, hatten sich bei der Wahl über unser Fernbleiben ziemlich heftig geäußert. Ich sagte der Dame damals, dass sie, wenn sie ihre Angestellten nach ihrer politischen Einstellung beurteile, sie noch viele Enttäuschungen erleben werde. Tatsächlich hatten nicht lange danach, einige von diesen, die am meisten „Heil“ geschrien hatten, sie ganz arg bestohlen und betrogen. Ob diese Dame dann an meine Worte dachte? Auf alle Fälle haben wir weiterhin für dieses Haus gearbeitet, obwohl der Chef gewarnt worden war, uns beide nach der Haftentlassung keine Arbeit mehr zu geben, da wir nach wie vor als „Volksfeinde“ zu betrachten wären. Er lachte nur über diese Warnung und sagte, solange er lebe, werden sie beide gut zu uns sein. Tatsächlich hatte diese Frau uns noch am selben Tag, als wir frei gingen, einen großen Pack voll Lebensmittel gesandt, sodass wir die Tage ohne Karten leicht überbrücken konnten. Sie beide waren um diese Zeit von dem neuen System schon so enttäuscht worden, dass sie uns auch in Zukunft viel Gutes taten.

Unsere Hausfrau war es, die uns bei der Gestapo angezeigt hatte, das wurde uns bestätigt, sie war nun schwer enttäuscht, dass wir nun wieder da waren. Heute begegnet sie mir noch manchmal und versichert mir immer wieder, dass wir ihre liebste Partei waren. Wenn das nicht Heuchelei ist?

Inzwischen kamen dann die Nachrichten vom Tode unserer Brüder. Zur selben Stunde wo wir freigegangen, war Br. Endstrasser erschossen worden. Das Herz tat uns weh um unsere Getreuen und doch waren wir froh, dass sie standhaft geblieben waren. Nur wenige vielen dem Teufel zum Opfer, indem sie Kompromisse schlossen, aber sie retteten ihr Leben dadurch nicht, im Gegenteil, der Tod erreichte sie auf andere Art.

Während der noch verbleibenden Kriegsjahre bekamen wir einige Male einen vervielfältigten Wachtturm, den wir jedes Mal verschlangen, weil wir ihn nur eine Stunde behalten durften. Wir hungerten nach solch [geistiger] Nahrung. …

In den weiteren Kriegsjahren habe ich 3 Mal Hab und Gut verloren. Obwohl meine [Zieh-] Mutter am Ende ihrer körperlichen Kräfte war, waren wir keineswegs entmutigt. Schon wenige Tage nach dem letzten Bombenangriff, hatte dasselbe Ehepaar, die große Geschäftsleute waren, die ich schon einmal erwähnte, dass sie uns viel Gutes taten, eine Wohnung zur Verfügung gestellt, in der wir uns heute noch befinden.

Wiederum kam Schlag auf Schlag, zwei Monate später erwischten uns die Bomben außerhalb der Stadt, das war noch grausiger, dann kamen die gefürchteten Russen, die uns alles wieder wegnahmen, was wir inzwischen auf Fliegerschein gekauft hatten. Uns selbst geschah kein Leid von ihnen, was mir die Hauptsache war.

Von den wenigen Brüdern, mit denen wir in der Vorkriegszeit besser bekannt waren, war nur einer zurückgekommen. Er war zu vielen Jahren Freiheitsstrafe verurteilt geworden, die er erst nach dem „Sieg“, wenn es zu einem solchen gekommen wäre, hätte absitzen müssen. Auch er war in der Strafanstalt Karlau ausgebombt worden, vom 3. Stock in die Tiefe gestürzt und hatte, oh Wunder, nur wenige Hautabschürfungen erlitten, obwohl es damals viele Tote gab. 1948 hatten wir dann geheiratet um gemeinsam, mit Jehovas Hilfe von vorne zu beginnen. …